Die Kolumne

*Stallmagie*

04.12.2008 12:09 von Patrick Gsell

Bürohengst im StallDu kommst in den Stall.
 
Es ist früh morgens. Oder Nachmittag. Vielleicht ist es auch schon dunkel. Du bist Schülerin, Architekt, Chirurgin, kaufmännische Angestellte, pensioniert, Sachbearbeiter oder vielleicht Studentin. Du bist gestresst, voller Tatendrang, traurig, nachdenklich, krank, unbesiegbar, müde oder einfach nur gut drauf. Du holst dein Pferd von der Weide, aus der Box, aus der Gruppe. Es ist braun oder fuchsfarben, weiss oder andersfarbig und vielleicht sogar gefleckt. Ausserdem ist es klein, dick, riesig, alt, lebensfroh, wunderschön und lahm. Du putzt es sanft, gründlich, ein wenig, einfach länger als die anderen, fast krankhaft pingelig oder vielleicht auch gar nicht. Du legst den Sattel darauf, ziehst den Zaum an, befestigst Ohrengarn und Gamaschen oder nimmst dein Pferd so, wie die Natur es geschaffen hat. Du gehst auf den Sandplatz oder reitest ins Gelände. Du springst über Stangen oder lässt es im Kreis traben. Du bringst ihm etwas bei und lernst dabei etwas über dich. Vielleicht sprichst du mit deinem Pferd, gibst Befehle, flüsterst ihm zu, schreist es an oder findest mit Tieren reden sinnlos. Dein Pferd macht was es soll oder auch was es will. Dann ist die Stunde, der Morgen, der Tag um. Du bringst dein Pferd zurück, es bringt dich zurück oder ihr tut es gemeinsam. Du führst dein Pferd wieder auf die Weide, in die Box, zurück in die Gruppe. Jetzt ist es spät morgens oder früh abends und garantiert dunkel.

Du verlässt den Stall.

Du bist noch immer der du bist.


Und doch bist du jetzt anders.

Patrick Gsell, bald 28, ist Unternehmer und mit dem Vollblut-Virus infiziert. Schuld daran trägt mitunter Barbea, seine fünfjährige Stute, die vier Rennen gewonnen und nun eine hoffentlich erfolgreiche Zuchtkarriere vor sich hat. Was er von anderen Pferdebesitzern am häufigsten zu hören bekommt: "Was? Du hast ein Pferd und reitest nicht?" Das spielt für Patrick keine Rolle: Er ist mittlerweile ein routinierter „Bodenarbeiter“ und steht – wie sich das für einen guten Pferdebesitzer gehört – fast täglich im Stall.

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