Thermografiediagnostik für Pferde
Von Kenneth Kronenberg – Wie oft wären Pferdebesitzer froh, wenn ihnen jemand sagen könnte, wo ihr Pferd Schmerzen hat, wo sich ein Entzündungsherd befindet oder wo der Grund für eine Lahmheit liegt. Abhilfe schafft eine viel versprechende Methode: die Thermografiediagnostik.
Mein Hengst geht lahm, schon wieder! Oder soll ich sagen „immer noch“? Das darf einfach nicht wahr sein. Erst vor zwei Monaten war ich mit ihm im Tierspital. Diagnose: Lahmheit im Sprunggelenk hinten rechts. Therapie: Kortison ins Gelenk injizieren und drei Wochen Schritt. Widerwillig habe ich die Kortison-Prozedur über ihn ergehen. Ich weiss, was es heisst, wenn einem die „Männer in Weiss“ eine 15 Zentimeter lange Nadel ins Gelenk rammen. Das
Gelenkinnere kann man nicht betäuben, sondern nur das Gewebe darüber.
Bei mir war es das Knie. Mir wurde damals speiübel vor Schmerz, der
kalte Schweiss lief mir über die Stirn – und am Schluss wurde es
dunkel. Die Schmerzen im Sprunggelenk eines Pferdes werden nicht
weniger arg sein. Und das habe ich meinem Pferd angetan. Wofür? Nicht
die geringste Spur einer Verbesserung ist eingetreten. Mal läuft er
besser und tags darauf wieder schlechter. Es gibt Phasen, wo er zwei
Wochen am Stück fast lahmfrei geht. Diese Zeiten sind unsere
persönlichen Highlights. In solchen Augenblicken vergesse ich bei
schönen Ausritten im Gelände für einen Moment, dass wir ein ungelöstes
Problem mitschleppen. Und dann gibt es leider die anderen Phasen – so
wie jetzt – wo er mit dem linken Hinterbein nur einen halben Schritt
nach vorne macht.
Alle Tierärzte, Physiotherapeuten,
Akupunkteure, Sattler, Osteo-Therapeuten, einfach alle, die ich um Rat
und Hilfe gebeten haben, konnten meinem vierbeinigen Freund bisher
nicht helfen. An die angefallenen Kosten darf ich nicht denken, sonst
wird mir schwindlig. Irgendjemand muss meinem Pferd doch helfen können.
Klar, ich könnte eine Zyntigrafie machen lassen. Dazu fehlt mir – so
kurz vor Jahresende – das nötige Kleingeld. Moment.... Da fällt mir
ein, habe ich nicht einen Flyer bei meinem letzten Patrouillenritt
bekommen? Fieberhaft machte ich mich auf die Suche. Und tatsächlich,
hier steht es schwarz auf weiss: Thermografie-Diagnostik für Klein- und
Nutztiere. Die Methode verspricht „erhebliche Aussagekraft,
insbesondere bei Störungen des Bewegungsappartes bei Pferden“.
Ich rufe an und vereinbare einen Termin.
Per
E-Mail erhalte ich ein Formular, welches ich ausgefüllt retournieren
soll. Angaben über mein Pferd und seine Probleme werden verlangt. Doch
so einfach mache ich es den Leuten nicht. Ich fülle nur in knappen
Worten die vorgesehenen Felder für die Krankheitsgeschichte aus:
„Sporadische Lahmheit, kommend und gehend.“ Ich verschweige, wo und wie
sich die Lahmheit zeigt. Die sollen beweisen, was sie drauf haben.
Zum
vereinbarten Termin erscheint Tamara Gmür zusammen mit ihrem Partner,
Dario Fava, pünktlich auf die Minute. Nach kurzer Begrüssung geht es
gleich zur Sache. Zuerst wird mein Hengst von Tamara Gmür auf
auffällige Veränderungen wie Narben, andere Verletzungen und
Brandzeichen untersucht. Diese hält Dario Fava mittels einer
Digitalkamera fest und protokolliert alles, um Fehler bei der
Thermografiebilder-Auswertung zu verhindern.
Von Kopf über
Rücken bis zu den Hufen wird das Pferd mit der Thermografie-Kamera
erfasst. Insgesamt entstehen über 100 Bilder. Während ich versuche,
mein Pferd so zu posieren, wie es für die Thermografiekamera von Tamara
Gmür notwendig ist, erstellt Dario Fava laufend Vergleichsaufnahmen mit
der Digitalkamera. Dies sei erforderlich, um bei der Auswertung
Fehlerquellen zu minimieren. „Eine Fliege sieht auf einem
Thermografiebild aus wie ein Hot Spot“, erklärt er mir. Hot Spot, so
nennt man einen Punkt, der am wärmsten ist. Darin vermutet man den
Mittelpunkt eines Schmerzes. Nach 30 bis 40 Minuten sind alle Aufnahmen
im Kasten. Ich belohne meinen Jungen für die gute Mitarbeit und seine
Geduld und entlasse ihn auf seinen Paddock. Es war sehr eindrücklich zu
sehen, mit wie viel Geduld und Ruhe Tamara Gmür und Dario Fava bei der
Arbeit am Pferd vorgegangen sind. Natürlich will ich jetzt wissen, ob
sie aufgrund der auf dem Kameramonitor gesehenen Bilder schon eine
Aussage machen können. Doch keiner der beiden Thermografen lässt sich
zu einer Prognose hinreissen. Es wäre zu riskant und ausserdem
unprofessionell, aufgrund der nur kurz auf dem kleinen Bildschirm
gesehenen Bilder eine Diagnose zu stellen. Ich würde den Bericht in
einigen Tagen erhalten. Damit muss ich mich fürs Erste zufrieden geben.
Drei Tage später bekomme ich per E-Mail die sehnsüchtig erwartete Auswertung. Während des Lesens breitet sich ein Gefühl der Genugtuung aus. Also doch: der Rücken. Nichts mit Sprunggelenken. Auf den Thermografie-Bildern lässt sich ganz klar erkennen, welche Stelle als eine Anomalie zu werten ist. Mein Entscheid steht fest: Jetzt darf der arme Kerl für mindestens vier Monate pausieren – ich bringe ihn auf eine wunderschöne Winterweide mit dutzenden Artgenossen im Basler Oberland. In dieser Zeit wird er hoffentlich genesen. Wenn nicht, dann weiss ich jetzt, wo ich ansetzen kann.
» Hier gehts weiter mit der Reportage "Thermografie: Eine Methode mit Zukunft"
Kenneth Kronenberg (33) arbeitet hauptberuflich als Polygraf, seine Leidenschaft sind aber die Pferde, und ihnen widmet er auch seine ganze Freizeit. Vor allen angetan haben es ihm die Barock-Pferde. Da erstaunt es wenig, dass im gemeinsamen Stall, den er und seine Lebensgefährtin führen, unter anderem auch ein P.R.E. und ein Andalusier sowie ein Friese und ein Knabstrupper zu Hause sind.
Seiner Ansicht nach kann man von Pferden nie die Nase voll haben. Der Leitspruch von ihm und seiner Partnerin lautet: "Pferde sprechen, höre ihnen eifach zu!"


